Es fügt sich alles wunderbar zusammen: Manuel Hagel wurde gerade mit der „Goldenen Narrenschelle“ 2026 ausgezeichnet. Die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte ehrt ihn damit als jemanden, der „Klartext reden kann“. Und man muss neidlos anerkennen: In Sachen Klartext macht ihm so schnell keiner was vor. Vor allem dann nicht, wenn der Klartext so unterhaltsam ist, dass die spröde Wirklichkeit daneben fast ein bisschen blass aussieht.
Dass Hagel selbst aktiver Narr bei den Ehinger „Spritzenmucken“ ist, merkt man seinem politischen Stil an. Er beherrscht die Kunst der Zuspitzung meisterhaft – auch wenn die Fakten dabei manchmal ein wenig in den Hintergrund treten.
Zwischen Klartext-Orden und kreativen Gedächtnislücken
Nehmen wir seinen Auftritt beim „Dollenberg Dialog“. Hagel servierte eine Geschichte, die so druckreif war, dass man sie eigentlich einrahmen wollte: Ein Treffen mit Gerhard Schröder, „vor ein paar Wochen“. Man plauderte über die Agenda 2010, und der Altkanzler habe ihm tief in die Augen geschaut und gesagt: „Herr Hagel, der Deutsche ist erst dann bereit zu reagieren, wenn die Arbeitslosigkeit durch die Decke geht.“
Eine Geschichte wie ein guter Wein aus dem Ländle: vollmundig, kräftig, mit langem Abgang. Das einzige Problem: Sie hat einen deutlichen Beigeschmack von Kork.
Zeit ist eine dehnbare Maßeinheit
Die Stuttgarter Zeitung fragte nach. Die CDU-Fraktion druckste erst und räumte dann ein: Das Treffen sei „bereits vor einigen Jahren“ gewesen. Wann genau? Nicht mehr „rekonstruierbar“. Ob es dieses Treffen gab, bleibt ein Geheimnis dieser Zeit.
In der Welt eines Vollblut-Narren ist das natürlich kein Widerspruch. Wer will schon pedantisch auf den Kalender schauen, wenn eine Pointe gerade so richtig schön zündet? Zeit ist bei Hagel keine physikalische Konstante, sondern ein biegsames Requisit seiner Erzählkunst. Aus Jahren werden Wochen, wenn die Dramaturgie es verlangt. Das nennt man wohl „narrative Beinfreiheit“.
Der einsame Ritter gegen das Binnen-I
Auch beim Business Club Stuttgart bewies Hagel sein Talent für das Heldenepos. Er berichtete von einer SWR-Reporterin, die ihn zum Gendern zwingen wollte. Er blieb standhaft wie eine Eiche im Sturm, das Interview wurde seiner Erinnerung nach daraufhin abgebrochen.
Dumm nur: Der SWR wusste beim Nachfassen von nichts. Vielleicht war die Szene so filmreif, dass sie nur in Hagels innerem Regiebuch stattfand? In der Politik nennt man das Profilbildung; in der Fasnet nennt man es Narrenfreiheit.
Kleiner Hörfehler, große Wirkung
Sogar bei der Jungen Union gab es Grund zur Empörung. Hagel erzählte, Lea Reisner von der Linkspartei habe ihn in einer Talkshow als „Rassisten“ bezeichnet. In Wahrheit hatte sie lediglich seine Aussage als „rassistisch“ kritisiert. Ein feiner Unterschied für Juristen, aber für einen begabten Entertainer wie Hagel ist das nur unnötige Wortklauberei. Warum die Pointe ruinieren, wenn die Empörung so schön authentisch wirkt?
Das „Schrödinger-Ländle“: Top und Flop zugleich
Nach so viel sprachlicher Kreativität verwundert auch Hagels Blick auf den Zustand Baden-Württembergs nicht mehr. Den Grünen wirft er vor, das Ländle „schlecht zu reden“. Kurz darauf diagnostiziert er selbst den totalen Niedergang, weil „Wohlstand und Innovation sich ein neues Haus suchen“.
Baden-Württemberg befindet sich bei Hagel in einem fast schon magischen Zustand, den Physiker wohl als „Schrödinger-Ländle“ bezeichnen würden: Es ist gleichzeitig glänzender Innovationsführer und rostiges Schlusslicht. Es kommt eben ganz darauf an, ob Hagel gerade die Grünen attackieren oder sich selbst als Retter in der Not inszenieren will. Ein quantenmechanisches Wunder – direkt aus dem CDU-Wahlkampf-Labor.
Akademische Federn am Narrenhut
Lange Zeit schmückte sich Hagel zudem mit dem Titel „Diplomierter Bankbetriebswirt“. Dass der entscheidende Hinweis auf eine bloße Weiterbildung an der Frankfurt School meistens fehlte, war sicher nur Platzmangel auf der Visitenkarte.
Man gönnt sich ja sonst nichts – außer vielleicht ein paar zusätzliche akademische Federn am Hut, die im Wind der Landespolitik so schön seriös flattern. Erst nach massiver Kritik wurde die Titel-Deko offiziell korrigiert. Ordnung muss sein, auch in der Kleiderkammer der Macht.
Die Kunst der Kulissenschieberei
Manuel Hagel ist kein Mann der plumpen Unwahrheit. Das wäre viel zu banal und würde seinem Talent nicht gerecht. Er ist vielmehr ein kreativer Kurator der Wirklichkeit, der die Wirklichkeit mit der Leichtigkeit eines Fastnachtlers maskiert. Er beherrscht die Kunst, die Fakten so lange zu arrangieren bis sie die beste Beleuchtung erhalten und wie von Zauberhand exakt in sein Wahlprogramm passen.
Vielleicht sollte man bei seinen Reden künftig einen kleinen närrischen Disclaimer einblenden:
Warnhinweis: Diese Geschichte ist ein künstlerisch wertvolles Konstrukt. Zeitangaben, Zitate und Titel können von der physischen Realität abweichen.
Die Preisfrage
Die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte ehrt Hagel für seinen „Klartext“. Und tatsächlich: Er redet Klartext – nur eben in seiner ganz persönlichen Version der Welt.
Baden-Württemberg wählt am 8. März 2026. Bis dahin wird der neue Schellenträger noch viele Geschichten erzählen. Packende, emotionale, perfekt passende Geschichten. Es stellt sich eigentlich nur eine Frage: Kann man ihnen trauen?
Da hilft nur eins: Man muss es nur fest genug glauben wollen. Dann wird jede Geschichte lebendig.
In diesem Sinne: Ein kräftiges „Kügele Hoi!“ nach Ehingen.
Von Erwin Köhler und Alexander Salomon - basierend auf Recherchen der Stuttgarter Zeitung, des Südkurier und der Kontext Wochenzeitung.
Nachschlag
Manuel Hagel ist uns im persönlichen Umgang immer positiv in Erinnerung geblieben. Er kann was, sonst stünde er nicht da, wo er steht. Dieser Text ist deshalb keine Geringschätzung, sondern eine Anerkennung – nur wer wichtig ist, bekommt so viel Aufmerksamkeit. Und wer ganz nach vorne und Ministerpräsident werden will, muss damit leben, dass er die Scheinwerfer ins Gesicht bekommt und man genau hinschaut. Und so bleibt: egal wer gewinnt, am Schluss arbeiten Demokratinnen und Demokratin mit Respekt zusammen.